Sportstruktur

Zentralisierung – Zellen – Individualisierung?

In der Spitzensportförderung eines Bundesfachverbandes (Achtung: Einzelsportarten!!) sind mehrere Organisationsmodelle zu finden. Jedes einzelne Modell führt für sich Argumente ins Feld, die meistens durchaus etwas für sich haben – in der Vergangenheit haben verschiedenste Systeme Erfolg gebracht, in der Gegenwart kristallisiert sich für mich allerdings ein einziges Modell als sinnvoll heraus.

Vor- und Nachteile in der Theorie

1 Bundesleistungzentrum (BLZ bzw. BNLZ):

  • Bündelung der Kräfte an einem Ort – geballte Kompetenz trifft starke Trainingsgruppe
  • Sportliche Leitung des Bundesfachverbands hat alle relevante Athleten direkt im Blick
  • Trainer müssen nicht zu den Athleten reisen
  • Bundesfachverband muss auch das komplette Umfeld im Sport (versch. Therapien, …) und abseits des Sports (Ausbildung, Studium, …) mit betreuen bzw. organisieren
  • Athleten werden aus ihrem gewohnten privaten Umfeld gerissen
  • Viele Trainingsmaßnahmen finden außerhalb Österreichs statt um adäquate Trainingspartner zu gewährleisten. In dieser Zeit ist die im Zentrum arbeitende Trainingsgruppe ausgedünnt.

Regionale Leistungszentren – Zellen

  • Überschaubarer Koordinations- und Steuerungsaufwand für den Bundesfachverband
  • Einbindung regionaler Kompetenzen
  • Athleten verbleiben näher an ihrem gewohnten privaten Umfeld
  • Nur die zentralen Trainer reisen – Athleten sparen Reiseaufwände für Training in Österreich, für Wettkämpfe ist der Aufwand groß genug
  • Größere Nähe zum Nachwuchs
  • Infrastrukturaufwand für mehrere Zentren ist höher
  • Verwandte Sportarten können in Trainingsgruppen zusammengefasst werden

Völlige Individualisierung

  • Enormer Koordinations- und Steuerungsaufwand
  • Hoher finanzieller Aufwand
  • Verfügbarkeit bzw. Organisierbarkeit der jeweils notwendigen Infrastruktur ist mit viel Aufwand verbunden
  • Energie und Impulse einer Trainingsgruppe gehen verloren
  • 1:1-Betreuung, die perfekt auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann
  • Verfügbarkeit von ausreichend Experten in diversen Disziplinen ist eine große Herausforderung

Beispiele für Modelle in Österreich

  • Badminton: Bundesleistungszentrum in Wien für Männer und Frauen. Nur Athleten, die dort arbeiten, haben eine Chance auf einen Kaderstatus und damit Nominierungen für Großereignisse.
  • Ski alpin: Konditions- und Schneekurse für nach Leistungsniveau und Disziplin geordnete Trainingsgruppen. In den Zeiten zwischen den Kursen trainieren Athleten nach ÖSV-Plänen bzw. auf sich alleine gestellt großteils zu Hause bzw. in regionalen Olympiazentren. Im Winter werden nur wenige Tage zu Hause verbracht, in denen v.a. Schneetraining individuell oder in regionalen Zentren zu organisieren ist. Die absolute Kaderspitze ist sehr, sehr individuell organisiert.
  • Ringen: Die Spitzenathleten werden im Wesentlichen in 3 Leistungszentren jeweils in Kombination mit einem Olympiazentrum (Salzburg, Innsbruck, Dornbirn) betreut.

Conclusio

Was aber dürfte nun die sinnvollste Organisationsstruktur sein? Das wichtigste Wort an der Fragestellung lautet „dürfte“ – es gibt immer mehrere Wege, die zum Erfolg führen können – manche aber führen definitiv nicht zum Erfolg. In unseren Kulturkreisen dürfte das für die Zentralisierung gelten. Die Abneigung gegen das permanente Verlassen der engeren Heimat ist – in Westeuropa im Gegensatz zu Ost- und Südosteuropa – in aller Regel zu groß. Zudem dürfte die Anziehungskraft (sportlich wie auch finanziell) für absolute Spitzentrainer, die einem zentralen Leistungszentrum erst wirklich Sinn geben würden, nicht groß genug sein.

Dass die absolute Individualisierung weder finanzierbar noch im Sinne einer strukturierten Weiterentwicklung einer Sportart zu längerfristigen Sicherung von internationalen Spitzenplatzierungen durchführbar ist, liegt auf der Hand. Zudem fehlt dafür mit Ausnahme von einigen, handverlesenen Weltklasse-Athleten auch das Trainer-Potential.

Ich bin zu 100% davon überzeugt, dass ein Dreieck für Österreich und andere Nationen mit überschaubaren Distanzen die einzig zielführende Struktur sein kann:

  • Gemeinsame Trainingsmaßnahmen und uU gemeinsame unmittelbare Wettkampfvorbereitung der nationalen Spitze in den jeweiligen Altersklassen – im Optimalfall großteils mit internationaler Trainingsbeteiligung
  • In den Zeiten zwischen diesen gemeinsamen Maßnahmen wird entweder in kleineren Trainingsgruppen (Zellen), die auch bei entsprechender Nähe der Sportarten sportartübergreifend geführt werden können, gearbeitet – durchaus unter Miteinbeziehung absolut individueller Maßnahmen. Wie viele Zellen in welcher regionalen Verteilung Sinn macht, ist sportartspezifisch unterschiedlich und abhängig von verfügbarer Infrastruktur und Breite der jeweiligen Kader.
  • Diese sportartspezifische Arbeit wird von Experten und Infrastruktur regionaler, polysportiver Zentren (zB Olympiazentren) unterstützt. Von hier aus werden Disziplinen wie Sportwissenschaft, Sportmedizin, verschiedenste Therapieformen, Ernährung, Sportpsychologie etc. beigesteuert.

Konsequenzen für alle Bundesländer

Losgelöst von der Frage der Finanzierung, wo ich einen durchaus erheblichen Bundesanteil sehe, muss für eine derartige Struktur in jedem Bundesland mindestens ein leistungsfähiges, auf Spitzensport ausgerichtetes Zentrum betrieben werden. Bei größeren Distanzen innerhalb eines Bundeslandes könnte auch über ein zweites Zentrum nachgedacht werden.

Zur Finanzierung könnte ein Ansatz sein, dass der Anteil für den Elitebereich vom Bund getragen wird – und die Länder die Mittel für die Nachwuchsarbeit beisteuern. Der regionale Nachwuchs müsste nämlich sinnvollerweise auch bereits in die Struktur dieser regionalen Stützpunkte eingebunden sein.

Natürlich werden sich regionale Schwerpunkte auf Basis von Infrastruktur, Geschichte, Zulauf zu einer Sportart in einer Region herausbilden bzw. haben sich ja ohnehin bereits. Es wird sicherlich nie 9 regionale Leistungszentren für Ringen geben – aber eventuell 7 im alpinen Skisport. Die polysportiven Zentren müssen dann ebenfalls zu diesen Zellen passende Schwerpunkte herausarbeiten bzw. Expertenwissen für die jeweilige Sportart anhäufen.

Nachdem Athleten schon derzeit nie zu 100% von einem Bundesfachverband betreut werden, muss zwingend in den jeweiligen Herkunfts-Bundesländern eine sportartspezifische und polysportive Backup-Struktur vorhanden sein.

Für das gesamte System ist allerdings eine wesentliche Voraussetzung, dass sich das kleine Land Österreich dazu durchringt, anhand nachvollziehbarer und transparenter Kriterien festzulegen, welche Sportarten von besonderer Bedeutung sind und diese dann speziell zu fördern und zu unterstützen. Österreich wird nie in der Lage sein, Sportarten in epischer Bandbreite zu fördern. Die Niederlande holten in Sotschi 24 Medaillen und Rang im Medaillenspiegel beinahe ausschließlich mit Eisschnelllauf.

Die Frage der Festlegung auf Kernsportarten trifft natürlich auch die Sportförderung jedes einzelnen Bundeslandes.

Image: Sangudo/Flickr

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