Mannschaftssport Trainer

Ein Ausländer als Nationaltrainer??

Der Deutsche Handballbund DHB hat gerade den Isländer Dagur Sigurdsson zum neuen Cheftrainer gemacht – für eine Saison in einer Doppelrolle mit seinem Traineramt bei den Füchsen Berlin, danach ausschließlich als Bundestrainer.

Als sich in den letzten Tagen immer deutlicher abzeichnete, dass er das Amt übernehmen sollte, begannen sofort die ersten Diskussionen zur einjährigen Zweigleisigkeit – in Kombination mit der Kritik, dass für dieses Amt doch eigentlich nur ein Deutscher in Frage komme …

Die Diskussion wird vornehmlich auf Facebook (BundesligaSport1 HandballStefan Kretzschmar) geführt – durchaus mit Emotionen und oft recht unsachlich …

Die Frage, die überall gestellt wird, lässt sich recht einfach beantworten: Die Aufgabe soll der beste Mann übernehmen! Ganz egal welcher Nationalität! Mit einer einzigen Einschränkung: Nachgewiesene Söldner-Mentalität, rein finanzielles Interesse wäre eine schlechte Motivation.

Die Bevorzugung eines deutschen Trainers nur auf Grund seiner Nationalität wäre ein grober Fehler gewesen. In der Diskussion wird die Frage gestellt, ob ein nicht-deutscher Nationaltrainer genug emotionale Bindung mitbringen kann. Da wird der Nationalpathos deutlich überbewertet – die Nationalmannschaft ist letztlich auch nur eine Mannschaft, die gewinnen will. Der Bundesadler spielt für einen Spieler eine deutlich größere Rolle als für einen Trainer.

Gerade im Handball gibt es aktuell hervorragende Beispiele dafür, dass der ausländische Nationaltrainer gut funktioniert – ein Deutscher in Polen, ein Isländer in Österreich, …. Wieso sollte etwas, was im Vereinssport gefühlt bei der Hälfte der Profi-Mannschaften im deutschsprachigen Raum hervorragend klappt, als Nationaltrainer verboten sein?? Wieso sollte im Handball etwas nicht möglich sein, was bei der Mehrheit der Mannschaften bei der Fußball-WM 2014 der Fall war??

Die Situation, in der sich der DHB befindet, ist wahrlich keine einfache: Qualifikation für Olympia 2012 verpasst, für die EM 2014, für die WM 2015 – der WM-Sieg zu Hause aus dem Jahr 2007 ist nur mehr verstaubte Legende. Der aktuelle Leistungsstand ist überschaubar, Deutschland hat an Terrain verloren. Terrain, das durch eine von ausschließlich wirtschaftlichen Motiven getragene Wildcard der IHF für die WM 2015, ein kleines Stück weit zurückgewonnen werden konnte. Sportlich unverdient aber doch … War der Erfolgsdruck vor den WM-Play-Offs im Juni 2014 schon hoch, ist er nunmehr enorm. Neben der Mission des längerfristigen Mannschaftsaufbaus ist auch angesichts der bevorstehenden EM-Qualifikation, dicht gefolgt von der WM im Jänner 2015, der kurzfristige Erfolg vonnöten.

In dieser Situation kam nur ein erfahrener Mann in Frage, der Erfolge nicht nur in Vereinen und Nachwuchsnationalteams nachweisen kann sondern Nationalmannschaften zu ordentlichen Ergebnissen in EM-/WM-Qualifikationen oder bei Großereignissen geführt hat. Und der natürlich gut Deutsch spricht … Dieses Anforderungsprofil reduzierte den Kandidatenkreis schon beträchtlich und warf die oft diskutierten Namen Christian Schwarzer (der öffentlich gar nicht wollte) und Markus Baur (der sehr wohl wollte) von vornherein aus dem Rennen. Ganz abgesehen von ihrer Zuordnung zur „Mannschaft“ rund um Heiner Brand.

Warum aber sagten die Füchse Berlin ja?? Dafür gibt es mehrere Gründe, von denen bislang keiner öffentlich genannt wurde:

  • Sigurdsson wäre zum Ende seines Vertrags in Berlin 7 Jahre lang Trainer der Füchse gewesen (2009 – 2016). Da wäre ein Wechsel durchaus wahrscheinlich gewesen, Konstellationen nutzen sich über die Jahre ab. Sportlichen Erfolg in den kommenden beiden Saisonen vorausgesetzt (ist ja kein abwegiges Szenario), hätten die Berliner erklären müssen, warum sie den Vertrag mit einem erfolgreichen Trainer nicht verlängern … So bleibt die wunderbare PR-Geschichte „Wir unterstützen nationale Interessen“.
  • Kaderzusammensetzungen weisen oft Einflüsse aus der regionalen bzw. Vereinsherkunft des jeweiligen Nationaltrainers auf. Sicher kein Nachteil für den weiteren Weg der sehr vielversprechenden Berliner Talente …
  • Der Berliner Manager Bob Hanning, der in Personalunion auch Vizepräsident des DHB ist, sichert sich einen guten Draht zum Nationaltrainer. Das wird in der Diskussion von Kritikern als Hauptargument für die Berliner Zustimmung angeführt. Bei einem professionellen Trainer wie Dagur Sigurdsson spielt das aber nur eine sehr untergeordnete Rolle. Er ist nicht für besondere Rücksichtnahme auf alte Freundschaften bekannt sondern für seine 100%-ige Erfolgsorientierung.
  • Sollten die Füchse in den kommenden Jahre einmal das Entgegenkommen des DHB benötigen, haben sie ein gewichtiges Argument an der Hand.

Ein paar Worte noch zur Zweigleisigkeit für ein Jahr: Die ist sicher nicht unproblematisch – so kritisch, wie sie öfters gesehen wird, ist sie aber auch wieder nicht. Sowohl im DHB als auch bei den Füchsen gibt es qualifizierte Unterstützung für den als harter Arbeiter bekannten Trainer. Die Abwesenheit von den Füchsen betrifft die spielfreie Zeit – da ist sie am wenigsten kritisch. Informationen zum aktuellen Leistungsstand der potentiellen Nationalspieler bekommt er auch genug. Was am ehesten fehlen wird, ist die Zeit für Planung, Konzeption, Besprechung und eventuell Sichtung in den Nachwuchs hinein. Herausfordernd aber eindeutig nicht unlösbar – solange man für die Qualifikationsspiele im September keine Wunderdinge erwartet …

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