Sportpolitik

Olympia 2026: Österreich ist keine Sportnation

Die Tiroler Bevölkerung hat sich mit gut 53% Ablehnung gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2016 entschieden. Ein trauriges Ergebnis mit vielen Ursachen ...

Die Tiroler Bevölkerung, allen vor allem die Einwohner der Landeshauptstadt Innsbruck, haben eine einzigartige Chance für den Österreichischen Sport verstreichen lassen – teils aus nachvollziehbaren Bedenken, Ängsten und Sorgen, teils aber leider auch populistischen Schein-Argumenten folgend. Nachdem nach wie vor keine wirklich realistische Kandidatur (Einschätzung beim Olympiazentrum Salzburg-Rif) bekannt ist, steuert das IOC auf ein veritables Problem, unter anderem ausgelöst durch die Vergaben der letzten Jahren, zu, das es bei der letzten Sommervergabe durch das Doppel Paris & Los Angeles noch lösen konnte. Innsbruck-Tirol hätte eine enorme Chance auf eine Rückkehr zu sinnvoll dimensionierten Spielen gegeben, nach denen keine Sportstätten-Ruinen dem Verfall preisgegeben werden.

Mögliche Gründe für diesen Ausgang gibt es einige (hier ist aber nur einer der Gründe ein Thema):

  • Grundsätzliches Misstrauen gegen die von Korruptions- und Doping-Skandalen erschütterten Schwergewichte der internationalen Sportwelt wie IOC, IAAF, FIFA und UEFA und der dort dominierenden Gigantomanie.
  • Ein Nationalrats-Wahlkampf in Österreich, der polarisiert hat und schmutzig wurde wie noch nie – daneben noch ein zweites Thema zu platzieren, war extrem schwer. Die zeitliche Koppelung der Volksbefragung an die Wahl war aber wohl dennoch richtig – sonst hätte es vermutlich massive Kritik am Aufwand gegeben.
  • Regionale Problemstellungen wie Wohnungsmangel, Lebenshaltungskosten, Tourismus-Dominanz
  • Eine massive Ablehnung einiger handelnder Personen (in der 2. Reihe, nicht in der 1.) und generell von „denen da oben“ gepaart mit der grundsätzlichen Ablehnung jeglicher Großprojekte.
  • Gut organisierte Bürgerinitiativen und Regionalparteien (bis hin zu den Grünen in der Stadt Innsbruck), die massiv polemisiert haben – durchaus auch befeuert von der kürzlichen Niederlage bei der Befragung zum Projekt am Patscherkofel. Zuversicht (und Argumente) haben sie sicherlich auch aus den Volksbefragungs-Ablehnungen der Kandidaturen in Hamburg, Bayern, Graubünden und Oslo gezogen.
  • Die Kampagne konnte mit ihren Informationen nicht durchdringen und schon gar nicht (positiv) emotionalisieren. Sie konnte nie den Status einer ehrlichen, glaubwürdigen Information erreichen. Vermutlich hat sie auch mit der Formulierung der Abstimmungsfrage, der oft Suggestivcharakter vorgeworfen wurde, Kredit verspielt.
  • Und zu guter Letzt: Österreich ist eine Kultur- und keine Sportnation. Vielleicht in manchen Teilen noch eine Bewegungsnation – Spitzensport abseits des Fußballs existiert in den Köpfen der meisten eindeutig nicht …

Warum aber ist Österreich keine Sportnation? Warum definiert man sich nicht über sportliche Erfolge und Großveranstaltungen, die eben solche Erfolge im Veranstalterland induzieren können? Neben der übermächtigen Konkurrenz aus Kultur und sonstigen Freizeitbeschäftigungen, die tief in der österreichischen Identität verankert sind, hat der rot-weiß-rote Sport selbst vor seiner eigenen Haustür zu kehren:

  • Skandalfrei ist der Sport in Österreich leider nicht:
    • Vermuteter Fördermittelmissbrauch bzw. sonstige finanzielle Unregelmäßigkeiten zB beim Schwimmen (siehe zB Artikel bei laola1.at: 1, 2, 3, 4), Bob/Skeleton (Tiroler Tageszeitung) oder Karate (laola1.at)
    • Doping-Skandal rund um Stefan Matschiner, Humanplasma, Bernhard Kohl, …
    • Sportmediziner, der gar keiner war aber trotzdem in verschiedenste Kommissionen des Sportministeriums berufen wurde (kurier.at)
    • Veruntreuung im ÖOC (inkl. der Salzburger Olympia-Bewerbung für 2012), für die nach wie vor nicht alle offensichtlich Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden.
  • Professionalität hingegen sucht man oft vergeblich. Die Vorgänge und die Arbeitsqualität in einigen Bundesfachverbänden hält den Ansprüchen an die Sportler, die Top-Leistungen abliefern sollten, oft nicht stand.
  • Den Geschmack des (politischen) Selbstbedienungsladens wird der Sport auch nicht los. Den letzten Beweis dazu haben die Verhandlungen rund um die Neufassung des Bundes-Sportförderungsgesetzes erbracht – und die Besetzungspossen um die wesentlichen Funktionen. Nicht zuletzt stellt sich die Frage: Wozu sind 3, natürlich jeweils politisch einsortierbare Breitensportverbände (nach alter Diktion: Dachverbände) nötig? Die sich zudem noch eine eigene Dachorganisation leisten (können)? „Versorgungsposten“ für Parteigänger gibt es natürlich genug: Ein gescheiterter Bundespräsidentschaftskandidat wird Präsident der Bundessportorganisation BSO, …
  • Atmosphärisch wird der Stellenwert von Sport auch klar, wenn der Bundeskanzler zum Sommerfest beim Heurigen bittet während der norwegische König anlässlich seines Geburtstags zum Langlaufen in den Schlosspark einlädt.
  • Letztendlich beweist auch das Sportministerium laufend, dass es seine Kernaufgabe  in der Verwaltung der Institutionenvielfalt und nicht in der Impulssetzung und Strukturentwicklung sieht. Umfassende Kenntnis über die sportliche Realität in Verbänden, Vereinen und bei Sportlern: Fehlanzeige.

So unbestritten die Wichtigkeit der Vorbildwirkung der erfolgreichen Nationalhelden für das Bewegungs- und Sportinteresse der Kinder ist, so enorm ist aber auch die Herausforderung, vor der der Spitzensport steht: Wie ist ein Stellenwert erlangbar, der die Basis für Rahmenbedingen bietet, in denen sich Sportler erfolgreich entwickeln können? Im aktuellen Zustand wird der rot-weiß-rote Spitzensport internationale Erfolge nur dort liefern können, wo entweder der Zufall Regie führt oder wo sich ein paar positiv Verrückte in einer kleinen, absolut leistungsorientierten Zelle zusammenfinden …

 

Image: olympia2026.at

ein Kommentar

  1. Gut daß du die Schuldigen gefunden hast. Könnte aber auch sein daß es an den Kosten gelegen ist. Dieses Geld könnte man in Tirol besser verwenden. Wir haben in Tirol, dem Tourismusland, genug Armut unter der heimischen Bevölkerung.

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